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15.03.2025 | Johanniter-Klinik am Rombergpark Dortmund

Verspannungen, Tech-Neck & Co.: Nackengesundheit im Fokus

Zum Tag der Rückengesundheit am 15. März haben wir mit Dr. Felix Dudnik, unserem leitenden Arzt für Orthopädie, über das diesjährige Schwerpunktthema Nackengesundheit gesprochen. Von Ursachen über mögliche Therapieansätze bis zur Prävention.

Welche typischen Ursachen sehen Sie für chronische Nackenbeschwerden, und welche Faktoren werden Ihrer Meinung nach in der Prävention häufig unterschätzt?

Chronische Nackenschmerzen liegen vor, wenn die Beschwerden länger als drei Monate anhalten. Hauptursachen sind Bewegungsmangel und langes Arbeiten am Bildschirm in einer ungünstigen Haltung. Die verkrampfte Sitzhaltung führt zu Verspannungen und einem steifen Nacken. Weitere Auslöser können degenerative Veränderungen der Wirbelsäule oder eine veränderte Knochensubstanz sein. Auch Unfälle, etwa ein Schleudertrauma oder Sportverletzungen, können langfristige Beschwerden verursachen. Häufig unterschätzt wird die Bedeutung gezielter Muskelkräftigung und ergonomischer Anpassungen im Alltag.

 

Wie unterscheiden sich degenerative Erkrankungen der Halswirbelsäule (z. B. Bandscheibenvorfälle) von akuten muskulären Nackenverspannungen hinsichtlich Diagnose und Behandlung?

Muskuläre Verspannungen entstehen meist durch Fehlhaltungen oder Stress und sind reversibel. Sie äußern sich oft als lokal begrenzte Schmerzen ohne neurologische Begleitsymptome. Degenerative Erkrankungen wie Bandscheibenvorfälle oder Arthrose können hingegen Nervenreizungen verursachen, was zu ausstrahlenden Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder Kraftverlust in Armen und Händen führt.

Zur Diagnose werden klinische Untersuchungen, Röntgenaufnahmen, MRT oder CT eingesetzt. Muskuläre Beschwerden lassen sich meist konservativ mit Physiotherapie, Wärme oder manueller Therapie behandeln. Bei strukturellen Erkrankungen können zusätzlich entzündungshemmende Medikamente, Infiltrationen oder in schweren Fällen operative Eingriffe notwendig werden.

 

Welche Rolle spielen ergonomische Anpassungen am Arbeitsplatz bei der Vorbeugung von Nackenschmerzen, und was halten Sie von Steh-Sitz-Arbeitsplätzen?

Ergonomie am Arbeitsplatz ist essenziell zur Vorbeugung von Nacken- und Rückenschmerzen. Der Bildschirm sollte auf Augenhöhe stehen, Stuhl und Tisch sollten individuell anpassbar sein. Wichtig ist, dass die Füße flach auf dem Boden stehen und Armlehnen eine entspannte Haltung ermöglichen.

Steh-Sitz-Arbeitsplätze bieten eine sinnvolle Möglichkeit, die Belastung gleichmäßig zu verteilen und Verspannungen vorzubeugen. Der Wechsel zwischen Sitzen und Stehen verbessert die Durchblutung und entlastet die Wirbelsäule. Auch ergonomische Hilfsmittel wie Sitzhocker oder dynamische Sitzmöbel können hilfreich sein.

 

Welche konservativen Therapiemethoden sind Ihrer Meinung nach bei chronischen Nackenschmerzen besonders effektiv, und gibt es innovative Ansätze?

Konservative Maßnahmen umfassen Schmerztherapie, Physiotherapie und physikalische Anwendungen wie Wärme- oder Elektrotherapie. Isometrische Übungen zur Kräftigung der tiefen Nackenmuskulatur sind besonders wirksam.

Innovative Ansätze umfassen periradikuläre Infiltrationen mit Kortison zur gezielten Schmerzlinderung sowie neuartige Bewegungstherapien, die mittels sensomotorischem Training die neuromuskuläre Kontrolle verbessern. Auch minimalinvasive Behandlungen wie Radiofrequenzablationen gewinnen an Bedeutung.

 

Wie beurteilen Sie den Einfluss moderner Gewohnheiten, wie häufige Smartphone-Nutzung („Tech-Neck“), auf die Nackengesundheit?

Die nach vorne geneigte Kopfhaltung beim Blick aufs Smartphone führt zu einer starken Belastung der Halswirbelsäule. Bei einer Neigung von 45 Grad kann ein zusätzlicher Druck von über 20 kg auf die Nackenmuskulatur wirken. Das führt zu Verspannungen, Haltungsschäden und langfristigen degenerativen Veränderungen.

Eine übermäßige Smartphone-Nutzung kann nicht nur die Körperhaltung negativ beeinflussen, sondern auch die Atmungsfunktion beeinträchtigen. Bewusstes Achten auf eine aufrechte Haltung und regelmäßige Pausen können helfen, Schäden vorzubeugen.

 

Welche operativen Eingriffe kommen bei schweren Nackenbeschwerden in Betracht, und welche Fortschritte hat es in diesem Bereich gegeben?

Operative Eingriffe sind erforderlich, wenn konservative Behandlungen keine Besserung bringen oder neurologische Ausfälle auftreten. Standardverfahren sind die mikrochirurgische Dekompression oder die Entfernung einer geschädigten Bandscheibe mit anschließender Fusion oder Bandscheibenprothese.

Moderne Bandscheibenprothesen erhalten die Beweglichkeit der Halswirbelsäule und reduzieren die Belastung angrenzender Segmente. Minimalinvasive Techniken ermöglichen zudem eine schnellere Erholung und geringere Komplikationsraten.

 

Gibt es spezielle Trainingsempfehlungen oder Bewegungsprogramme, die Sie Patienten mit instabilen oder geschwächten Nackenstrukturen empfehlen?

Ja, vor allem isometrische Übungen zur gezielten Stabilisation der Halswirbelsäule. Es ist wesentlich, die Übungen langsam und kontrolliert durchzuführen und bei Schmerzen oder Beschwerden im Nackenbereich sofort abzubrechen. Auch regelmäßige Pausen und Bewegung im Alltag können dazu beitragen, die Halswirbelsäule gesund zu halten.

 

Wie wichtig ist die Rolle der Stressbewältigung bei der Behandlung und Prävention von Nackenverspannungen, und welche interdisziplinären Ansätze empfehlen Sie?

Stress verstärkt muskuläre Verspannungen, insbesondere im Nacken- und Schulterbereich. Chronischer Stress kann zu Dauerkontraktionen der Muskulatur führen, die wiederum Haltungsschäden und Schmerzen begünstigen.

Wichtig ist, sowohl die psychischen Ursachen als auch die körperlichen Beschwerden zu behandeln. Änderungen im Tagesablauf sind ebenfalls ratsam: Betroffene sollten langsamer und achtsamer mit Entspannungspausen umgehen. Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation sollten fest in den Alltag eingeplant werden. Gleichzeitig ist auch eine körperliche Aktivität sehr wichtig. Die Kombination aus Bewegung und Stressreduktion ist das beste Mittel gegen psychosomatische Rückenschmerzen.

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